Freitag, 31. Dezember 2010

Weihnachten im "Motherhouse" in Kalkutta

Um sieben Uhr war ein Krippenspiel angekuendigt. Ca. 30 Volunteers hatten es einstudiert und bereits in den einzelnen Hausern aufgefuehrt. Am Heiligen Abend fand es fuer die Schwestern und restlichen Volunteers im Haupthaus der MC's statt. Im Innenhoff war eine Buehne improvisiert; im Hintergrund eine Grotte mit der Gottesmutter - daneben eine Krippe. Alle sassen gespannt darum herum. Wir kamen ziemlich spaet und konnten so ganz vorne auf dem Boden Platz nehmen. Neben uns ein paar Jungs aus dem Heim fuer altere Kinder. Sie waren extra schoen angezogen und warteten gespannt auf das Schauspiel.
Jungs aus Daya Dan
Innenhof des Mutterhauses

Die Schwestern tummelten sich auf den Balkonen, die den Innenhof des Hauses umringen und nur wenige liessen sich ueberreden doch unten Platz zu nehmen, wo man am besten sieht. Das Stueck war grandios. Es handelte von fuenf Volunteers, die nach Kalkutta gekommen waren und deren Leben von Mutter Theresa und der Arbeit hier voellig veraendert wurde. Alle richteten sich in ihrer Erzaehlung direkt an das Jesuskind in der Krippe, hielten quasi Zwiesprache, waehrend sie das Erlebte revue passieren liessen...
So zum Beipsiel ein junger Japaner, der kam, um eine soziale Erfahrung zu machen. Er wollte unbedingt Mutter Theresa persoenlich kennen lernen. Aber viele Tage kam es nicht dazu. Schliesslich hatte er das Glueck sie an drei Tagen in Folge zu treffen. Am dritten Tag nahm sie seine Haende, sah im in die Augen, laechelte und sagte: "Und wann wirst du deiner Berufung nachkommen und Priester werden?" 
Reichlich erstaunt meinte der junge Japaner: "Aber Mutter - wie kann das sein? Ich bin noch nicht einmal katholisch!" Sie laechelte nur und sagte nichts weiter. Ihre Worte beruehrten den jungen Mann sehr, denn er spuerrte eine Sehnsucht in sich, die er sich nicht erklaeren konnte. Ihm war aber klar, dass das, was sie gesagt hatte, nicht sein konnte. Er war noch nicht einmal getauft. Der junge Mann reiste nach Hause zu seiner Mutter. Nach einiger Zeit erzaehlte er ihr von seiner Begegnung und von seiner inneren Sehnsucht. Er war sicher seine Mutter wuerde nicht begeistert sein. Und gegen den Willen seiner Mutter haette er nie gehandelt. Erst war seine Mutter geschockt. Dann sah sie ihn an und meinte: "Sohn - wenn Mutter Theresa das sagt, dann kann ich nichts dagegen sagen. Geh deinen Weg!" Jubell drang aus seinem Herzen. Er liess sich taufen, Firmen und studierte Theologie. Als er geweiht wurde, spuerrte er in seinem Herzen eine unaussprechliche Freude und ihm war klar, dass er den richtigen Weg gegangen war. Jetzt ist er seit vielen Jahren Priester. 
Auch die anderen Geschichten gingen sehr zu Herzen - jede ganz anders und unerwartet. Vor allem weil man die Bewegung der Herzen gut nachvollziehen konnte. Die Volunteers spielten mit einer Imbrunst, die einen nicht kalt lassen konnte. Ein paar Voluntees machten Musik und sangen dazu. Die Schwestern waren begeistert. Nicht selten rieselte ihr kollektives Gelaechter durch den Innenhof.
Aktiver Initiator des Krippenspiels

Musikerin beim Krippenspiel

Anschliessend ging es in die Weihnachtsmesse. Jede Messe, die ich bis dato bei den Schwestern erlebt habe war innig, heilig und schoen. Die Weihnachtsmesse war nochmal ganz besonders herrlich; mit viel Weihrauch, schoenen Weihnachtsliedern - Stille Nacht, Heilige Nacht in lauter verschiedenen Sprachen, der Chor der Schwestern wie ein Engelschor. Alles, was sonst an Weihnachten eine Rolle spielt war dieses Jahr Zuhause geblieben. Antonia und ich waren einfach nur da - voellig offen und mit leeren Haenden. Sich einmal nur auf das zu konzentrieren, was tatsaechlich Weihnachten ausmacht: dass Jesus als kleines, nacktes, hilfloses, armes Kind auf unsere Welt gekommen ist um und zu erloesen - das ist irgendwie nochmal neu und tief eingesunken.

Nach der Messe hatten die Schwestern Chai und Kuchen fuer uns vorbereitet. Mit eifrigen, strahlenden Gesichtern wieselten sie um uns herum und sahen zu, dass keiner leer ausging. Es war eine heitere, geloesste und frohe Stimmung, wie ich es selten erlebt habe. Sehr zufrieden und mit einem frohen Licht im Herzen sind wir dann schlafen gegangen, um um halb sechs am naechsten morgen wieder aufzubrechen in einen neuen Tag...
Homys zu Weihnachten in Kalkutta

Donnerstag, 30. Dezember 2010

500 Rickshaw-Man...

...vor dem Mutter Theresa Haus Shishu Bahwan. Als ich um halb neun dort ankomme, sind bereits ca. 80 Maenner gekommen. Alte, junge, kleine und grosse - die meisten mit tiefen Lebenfallten im Gesicht. Duenne, aber meistens kraeftige Maenner.Wir werden sofort von der grossen, blonden Spanieren, die das Projekt leitet, eingespannt die Maenner dazu zu bewegen sich in einer Reihe am Strassenrand aufzustellen. Wenn das nicht klappt, kommt die Polizei, weil ein riesen Stau entsteht und verbeitet die Aktion. Also versuchen wir den Indern mit Haenden und Fuessen klar zu machen, was passieren soll. Das ist garnicht so einfach. Die meisten winken aufgeregt mit ihrem Tickets vor meiner Nase rum, grinsen und nicken eifrig, schauen fragend - wissen wollend ob sie tatsaechlich etwa bekommen,  lassen sich dann aber doch bewegen ihre Rickshaws in Reih und Glied (siehe Foto) aufzustellen. Schon jetzt erkenne ich einige Gesichter von gestern. Die einzelnen Rickshaw-Maenner mich offensichtlich auch. Die Augen strahlen auf - sie winken mir zu, beruehren ihre Stirn, verbeugen sich. Ich sehe den Moslem, der mich angrinst und sein Ticket schwenkt. 
Vor der Tuer herrscht Chaos. Viele muessen zurueck geschickt werden, weil sie ihre Fahrgeraerte nicht dabei haben - die Nummer muss kontrolliert werden. Viele wiederum haben kein Ticket und werden leer ausgehen. Das ist schrecklich, aber nicht zu aendern. Es werde immer mehr und das Chaos scheint perfekt. Die Organisatorin des Projekts schafft es aber schliesslich, dass alle sich in Reih und Glied aufstellen - das geht nur mit viel Geschrei und Gestikulieren einher - klappt aber am Ende erstaunlich. Sie macht das bereits seit sieben Jahren und hat einen freundlichen, aber sehr bestimmten Umgang mit den Leuten. Fuenfhundert Maenner stehen Schlange fuer ein Weihnachtsgeschenk. Schliesslich werde sie in kleinen Trupps von etwa 25 rein gelassen. Jeder bekommt einen kleinen Sack mit einer Decke, einem Umschlagtuch, etwas zu Essen. Es scheint wenig zu sein, aber man sieht den Gesichtern an, dass es sehr viel ist. Dann setzten sich die Gruppen  der Maenner kurz um eine der Schwestern. Es ist eine sehr alte, sehr kleine Schwester, die schon seit den Anfaengen bei den MC's ist. Sie war die 17te Schwester die dem Orden beigetreten ist. Diese sammelt die Aufmerksamkeit der Maenner ohne Probleme und gibt ihnen in sehr kurzen Saetzen etwas von der frohen Bothschaft mit auf den Weg. Viel haben die Haende andaechtig gefaltet, nicken aufgeregt...manchen scheint es egal zu sein, die meisten hoeren aber mit sehr grossen Ohren zu. Es passiert ihnen  nicht oft, dass jemand sie anspricht, mit Respekt behandelt und ihnen etwas schenkt - ganz umsonst. Das Leben ist ein Kampf. Um jede Rupie muessen sie feilschen. Man merkt ihnen an, dass sie das nicht kennen, was hier passiert. Es ist etwas ganz besonderes.
Schliesslich endet die alte Schwester und die Maenner werden zurueck auf die Strasse entlassen. Beim raus gehen bekommt ein jeder ein Bild von Mutter Theresa und eine Wundertaetige Medaille in die Hand gedrueckt. Ich verteile die Medaillen. Und ich staune ueber die tiefen Reaktionen. Die Medaille wird haeufig gekuesst, an Stirn und Herz gehalten. Ich sehe Traennen. Wieder treffe ich viele, denen ich gestern das Ticket in die Hand gedrueckt habe...die Dankbarkeit in ihren Augen beruehrt mich tief, aber der nicht selten aufblitzende Schalk, der ebenfalls zu erkennen ist, freut mich krass.
Schwetser. Nr 17 bei der kurzen Bothschaft

Eine Schwester neben den Gaben



Es dauert ueber drei Stunden, bis die 500 Maenner durchgeschleusst sind.  Und ich werde das bestimmt niemals vergessen!

Eindruecke von Indien

Menschen

Faehre nach Sunderban

dringendes Geschaeft am Strassenrand

In Kaligat

Mit Sr. Trinitaris beim Kloputzen

Morgenwaesche am Strassenrand

Rickshaws

500 Rickshaw-man aufgereiht vor Shishu Bahwan

Man-Rickshaws...

...sind von Maennern gezogene kleine Wagen. Ziemlich hoch und ziemlich wackelig. Die Maenner gehoeren meist zu den ganz Armen hier in Kalkutta. Die meisten besitzen nichts, schlafen Nachts unter ihren Fahrgeraeten...viele haben Familie in den Slums, oder schciken was sie ueberhaben zu den Familien, die auf dem Land leben. Eigentlich verdienen sie nicht so schlecht mit ihrer Arbeit, muessen aber das meiste an die Rickshaw Vermieter abgeben, die das Geschaeft kontrollieren. Ausgemergelte, nur aus Muskeln und Sehnen bestehende Maenner. Die meisten haben nichteinmal Sandalen, sondern sind Barfuss unterwegs., auf den immer dreckigen, unebenen Strassen der Stadt. Oft glaubt man nicht, dass die duerren Maennlein ueberhaupt die Kraft haben, ihre Last zu ziehen. Und schon oefters habe ich gehoert, dass sie es auch nicht schaffen und das Gefaehrt samt Passagier umkippt.
Heute waren wir in kleinen Trupps unterwegs, um diesen Man-Rickshaws kleine Gutscheine zu geben, die sie dann morgen frueh um 9 Uhr bei den MC Schwestern gegen ein Weihnachtsgeschenk eintauschen koennen. Ich war mit zwei Japanerinnen unterwegs, die kaum Englisch sprachen, aber reizend waren. Kaum waren wir an unserem Standort am New Market angekommen und hatten dem ersten Rickshaw Mann sein Ticket in die Hand gedrueckt, verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer...wir wurden von Bruder zu Cousin gefuehert...alle Dankbar mit grossen Augen. Ich hatte eine Liste. Jede Rickshaw hat eine Registrier Nummer, die ich in die Liste eingetragen habe...damit jeder nur einmal kommen kann fuer ein Geschenk. Einige kennen es schon aus vergangenen Jahren, andere nicht. Es gibt ca. 4000 Rickshaw-Laeufer in Kalkutta und ich habe gehoert, dass es die einzige Stadt Weltweit ist, wo es sie ueberhaupt noch gibt. Die Schwestern haben nur 500 Geschenke zu vergeben. Die, die es kennen, versuchen mehrmals dran zu kommen. Brauchen koennen sie es alle, aber der Versuch das was da ist gerecht zu verteilen ist gut. Sie haben sich um uns gedraengt, uns zu den naechsten gefuehert, sich verbeugt und bedankt...einer meinte, er sei Muslim ob er auch duerfte. Klar. Da werden keine Unterschiede gemacht. Morgen um 9 Uhr kommen sie dann alle zu Mutter Theresas Haus...und ich werde hingehen, um mit auszuteilen und bin gespannt ob ich ein paar Gesichter wieder erkenne.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Kalkutta stinkt

...das ist der erste Eindruck, der einem entgegenschlaegt in dieser Stadt. Und dieser Laerm. Sich abends Ohropax in die Ohren zu schieben kommt einer Erloesung gleich. Es ist einfach sehr laut und es stinkt. Man hoert das staendige Hupen der Autos, das quietschen der Rickschas und das klingeln von Fahrraedern. Die Nase nimmt Abgase, Urin, Schweiss und verschiedenste Gewuerze und Kochgerueche wahr...alles auf einmal und alles gemischt. Kein Wunder - gleich neben den vielen kleinen Staenden, an denen auf offenem Feuer Speisen zubereitet werden, ist das oeffentliche Pissoir - naemlich die Abwasserrinne am Strassenrand. Wenn man dann Abends die kleinen Jungs beobachtet, die das Geschirr in eben diesem Abwasser abschrubben - dann weiss man, warum man im Lonley Planet davor gewarnt wird an den Strassenstaenden zu essen.
Aber die Menschen. Schoene Menschen. Vor allem die Frauen. Und die Kinder sind einfach zum einsammeln, einpacken und mitnehmen. Man sieht so viele Menschen, dass man es kaum begreifen kann...es ist immer und ueberall sehr voll. Und man schlaengelt sich durch die Massen, steigt ueber schlafende Bettler, weicht den vielen Hunden aus, die auf dem Weg an jeder moeglichen und unmoeglichen Stelle ein Nickerchen machen. Am besten geht man an der offenen Strasse, auch wenn man da Gefahr laeuft ueberfahren zu werden. Im Strassenverkehr scheint es keine Regeln zu geben - ausser laut zu Hupen und scharf zu Bremsen. Aber man lernt schnell...

mehr Eindruecke gibts bald (Ps: Umlaute gibts nicht auf der indischen Tastatur =))

Montag, 13. Dezember 2010

Der Tod

Heute beschäftigt mich der Tod. Der Tod ist nämlich eine interessante Sache und er ist es wert manchmal über ihn nachzusinnen während man lebt. Man könnte meinen, das wäre nicht nötig, weil er einen jeden von uns früher oder später ereilt und einholt, aber ich denke doch, dass man sich schon frühzeitig mit ihm auseinandersetzten sollte. Um nicht im Jetzt und Hier von der Angst vor ihm beherrscht zu werden. 
Sich auch nur eine Stunde, ja eine Minute von dem Gedanken an ihn verdüstern zu lassen lohnt sich nicht. Aber jeder weiß um den Tod und viele fürchten ihn. Und viele versuchen dieser Furcht zu entkommen, indem sie ihn ignorieren. Ich kenne die Furcht, die man ignoriert. Sie lungert im äußersten Teil unseres Blickwinkels herum und wächst und wächst und wird zu einem bedrohlichen, immer dunkler werdenden Schatten. Schaut man dann mutig doch einmal direkt hin, ist die Mücke immer noch so klein und belanglos, wie beim ersten Mal, als man hingesehen hat. Sie ist genauso harmlos als zuvor - bevor man begonnen hat sie zu ignorieren. So ist es auch mit der Angst vor dem Tod. Man muss ihn betrachten; sich einmal genau ansehen, was es mit ihm auf sich hat, damit er keine unheimlichen Schattenspiele an die Wand unseres Lebens werfen kann.

Ich glaube an die Auferstehung. Das heißt, dass ich glaube wir kommen in den Himmel und  gehen in die Herrlichkeit Gottes ein. Eine Cousine von mir stellt sich das folgendermaßen vor: Sie sieht eine große Wiese auf der lauter schillernde Seelen herum hüpfen. In purer Freude. Jemand anderes hat mal vermutete, dass wir im Paradies alle 33 Jahre alt sein werden. So alt wie Jesus war, als er starb - also in der Blüte unseres Lebens. Ich selbst habe keine konkrete Vorstellung davon, wie es sein wird, aber ich denke wir werden einfach in der Gegenwart Gottes sein und so von Freude durchleuchtet, wie wir uns es hier auf der Erde gar nicht vorstellen können. Das Gegenteil, die Hölle, muss demnach die Ferne von Gott sein. Wissend, dass man sich willendlich gegen diese Gegenwart entschieden hat. Für immer mit den Zähnen knirschend. Es ist mir kaum vorstellbar, dass man sich da wissend und willendlich für entscheiden kann. 
Ein bisschen kann man es sich vielleicht aber doch vorstellen. Wenn man jemanden liebt, dann möchte man um jeden Preis bei diesem Menschen sein. Und dennoch kann man es nicht immer. Und es gibt Situationen, da entscheidet man sich dagegen und leidet innerlich Höllenquallen. Man ist fern von dem ,den man liebt, und hat vielleicht keine Möglichkeit ihn jemals wieder zu erreichen. Wissend um das, was man sich selbst genommen hat.
Dennoch ist einem Jeden von uns diese Entscheidung frei in die Hand gegeben. Ich denke nicht, dass irgendein Mensch, der von der Existenz Gottes keine Ahnung hat, deswegen in der Hölle landen kann. Da wird sich die ganze Gnade Gottes erweisen. Aber jemand, der Gott erkannt und dennoch gegen ihn entschieden hat... ich fürchte, dass dann die Hölle durchaus zur Realität werden kann.

Aber das ist nun auch schon einen Schritt zu weit gedacht. Der Tod ist etwas ganz Irdisches. Eigentlich, paradoxerweise, etwas ganz lebendiges. Der Tod ist vielleicht auch nicht das, worüber ich nachdenken will, sondern das Sterben. Denn der Tod selbst ist nur ein Bruchteil einer Sekunde. Vielleicht ein Moment, dem wir einen Namen gegeben haben, den es aber gar nicht gibt, da wir direkt und ohne Unterbrechung von einer Wirklichkeit in die nächste übergehen. Der Tod umschreibt nur das Ende hier auf Erden. Er sagt nichts aus über das danach. Und auch nichts über das davor.
Ich habe in meinem Leben einen einzigen Menschen beim Sterben begleitet. Und auch das ist nicht ganz richtig, denn als er seinen letzten Atemzug in dieser Welt gemacht hat, habe ich geschlafen – seine Hand haltend. Und doch war ich dabei, wie er mit dem Tod gerungen hat, sich an das Leben klammernd, das er nicht lassen wollte. Vielleicht ist ihm in den letzten Augenblicken auch bewusst geworden, dass es ganz widersinnig ist, sich daran zu klammern. Weil das, was kommt, so wundervoll und allumfassend ist, wie nur vorstellbar. Vielleicht wurde ihm die Gnade erwiesen schon hier, als er noch unter uns weilte, einen kleinen Blick hinüber werfen zu dürfen und vielleicht hat er deswegen in den letzten Sekunden keine Angst mehr gehabt. Ich hoffe es.
Warum haben wir so eine Angst vor dem Tod? Sind es die Schmerzen, die mit dem Sterben einhergehen können? Ist es das letzte Quäntchen Unsicherheit, ob wirklich ein „danach“ existiert? Ist es die dunkle, bedrückende Angst, dass wenn man die Augen zum letzten Mal schließt, alles was kommt das feuchte dunkle Erdreich ist und einen ein Wurm auffrisst? Wenn man so direkt darüber nachdenkt, dann verliert es viel von seinem Schrecken. Ich denke, es ist wohl mehr das, was wir zurücklassen müssen hier auf Erden. Die Menschen die wir lieben. Denn aller Glauben der Welt und alle Zuversicht, dass es wunderbar werden wird, kann uns nicht den Schmerz des Verlustes nehmen. Wenn ich mit jemandem Zeit verbracht habe und er verabschiedet sich, um nach Hause zu fahren, dann erlebe ich ein ähnliches Gefühl. Ich vermisse diesen Menschen, auch wenn ich genau weiß, dass es ihm dort, wo er hingefahren ist, sehr gut geht. Vielleicht weil im Unterbewusstsein immer das kleine bisschen Angst schwebt, es könnte etwas passieren, wenn wir nicht hinsehen? So wie das kleine bisschen Furcht vorhanden ist, es könnte nach dem Tod nichts mehr geben, als schwarze, kalte Leere? Vielleicht.
Tatsache ist, dass wir durch Jesus die Hoffnung bekommen habe. Die Hoffnung und den Glauben an das danach – was wir Himmel nennen. Weil er für uns gestorben ist und weil er tatsächlich – ganz freiwillig – in den schlimmsten aller Zustände hinab gestiegen ist. In die Gottferne. Damit unsere Sünden vergeben sind und wir in das Reich Gottes kommen können. Durch ihn und mit ihm. Denn er ist nicht in der Tiefe geblieben. Nein. Er ist auferstanden und hat so seine ganze Herrlichkeit – seine Menschlichkeit und seine Göttlichkeit offenbart. Das Geschenk, was er uns damit gemacht hat, ist so groß, dass man im Annehmen desselben nur ganz klein und demütig werden kann. Das macht es auch vielen Menschen so schwer. Denn die meisten Menschen können nicht annehmen, dass man ihnen einfach etwas schenkt. Sie wollen zurückschenken. Weil sie nicht in Jemandes Schuld stehen wollen. Das unfassbare an Jesus ist jedoch – er schenkt sein Leben, ohne das wir dadurch in seiner Schuld stehen. Völlig frei, völlig gratis. Nichts, was wir hier auf Erden tun können, kann dem jemals gleich kommen und mit nichts können wir ihm zurückgeben, was er getan hat. Sonderbar. Alles, was er will ist unsere Liebe.

Gedanken zu: Psalm 25(24),4-5.6-7.8-9.

Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heiles. Auf dich hoffe ich allezeit.
Denk an dein Erbarmen, Herr, und an die Taten deiner Huld; denn sie bestehen seit Ewigkeit.
Denk nicht an meine Jugendsünden und meine Frevel! In deiner Huld denk an mich, Herr, denn du bist gütig.
Gut und gerecht ist der Herr, darum weist er die Irrenden auf den rechten Weg.
Die Demütigen leitet er nach seinem Recht, die Gebeugten lehrt er seinen Weg.



Er neigt sich uns zu und ist bereit uns zu lehren. Denn nicht umsonst entfliehen diese Worte des Psalmisten seinen Lippen - und auch meinen nicht. Nicht umsonst: Gott ist treu und er ist gut. Er weiß wo der rechte Weg für mich ist. Und wenn ich ihn anrufe, so hört er. Die Frage ist nur, ob ich bereit bin seine Antwort auf mein Flehen zu hören UND auch anzunehmen. Wie bete ich? Doch so oft mit einer ganz konkrete Vorstellung im Kopf davon, WIE er meine Gebete erhören soll. Und wohin mich seine Pfade führen sollen. Eigentlich bitte ich oft nur darum, dass er mein Leben nach meinen Vorstellungen gestalten soll...und das bitte ohne Umwege und sofort. Weil da doch der kleine Gedanke ist, dass ich selbst am besten weiß und sehe, was für mich jetzt dran und am besten ist. Schließlich ist es ja mein Leben. Ich bin ja mitten drin - da muss ich es doch wissen. Und Gott - ja Gott soll mir helfen - möglichst ohne zu laut eigene Ideen vom Stapel zu lassen...
Wie dumm von mir! Denn seine Pläne sind Pläne des Heils und nicht des Unheils. Sein Plan für mein Leben ist fein erdacht und führt mich in die Freiheit, die Liebe und das Leben. Sein Plan führt mich an Orte - innerlich und äußerlich - von denen ich nie zu träumen gewagt hätte. Sein Plan ist so viel größer, als ich ihn mir je ausmalen könnte. Und darum bin ich garnicht in der Lage um das zu bitten, was für mich am besten ist - weil es meine Vorstellungskraft übersteigt.
Aber ich will. Ich will mehr. Ich will den ganzen Segen!
Und darum will ich ehrlich sagen:



Zeige mir, Herr, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
und ganz leise füge ich hinzu: "Und wenn ich wieder nicht hinhöre, dann schrei mich bitte an!"

Freitag, 1. Oktober 2010

Gedanken zu: Psalm 139(138),1-3.7-8.9-10.13-14.

Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.
Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken.
Ob ich gehe oder ruhe, es ist dir bekannt; du bist vertraut mit all meinen Wegen.
Wohin könnte ich fliehen vor deinem Geist, wohin mich vor deinem Angesicht flüchten?
Steige ich hinauf in den Himmel, so bist du dort; bette ich mich in der Unterwelt, bist du zugegen.
Nehme ich die Flügel des Morgenrots und lasse mich nieder am äußersten Meer,
auch dort wird deine Hand mich ergreifen und deine Rechte mich fassen.
Denn du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter.
Ich danke dir, daß du mich so wunderbar gestaltet hast. Ich weiß: Staunenswert sind deine Werke.

Dieser Psalm ist wohl einer der schönsten, die ich kenne. Welche Zusage, welches Vertrauen liegen darin. Der Herr weiß um mich. Er kennt mich, seit ich geworden bin. Er kennt jeden meiner Schritte, jeden meiner Gedanken. Das könnte auch erschreckend sein! Denn wie oft gehen meine Schritte auf der falschen Straße und wie viel öfter sind meine Gedanken abgrundtief? Und fühle ich mich nicht immer wieder so, als gäbe es keine Verbindung zwischen mir und Gott? Als gehen meine Gebete ins Leere. Und in anderen Momenten - wünschte ich nicht, er könnte mich nicht sehen? Damit ich meine Kleinheit und Gemeinheit vor ihm verstecken könnte? Aber er sieht mich. Immer. Und was diesen Aspekt so wunderbar macht ist, dass er mich dennoch liebt. Er geht mit mir mit, auch wenn ich die falsche Straße einschlage. Um da zu sein, wenn die Abzweigung zum richtigen Weg zurück plötzlich auftaucht. Um meine Augen zu öffnen und mich sanft wieder zu sich zu ziehen. 
Und dieser Satz: Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast. Kann ich den vollen Herzens laut aussprechen? Schreit nicht etwas in mir: Lüge! Und doch muss es wahr sein. Denn Gott hat keine schlechten Tage - und so muss es ein wunderbarer Tag gewesen sein, an dem er mich geschaffen hat. So wie ich versuche andere durch seine Augen zu sehen, so muss ich wohl jeden Morgen auch mich selbst durch seine Augen betrachten. Wie klein ich mich da fühle. Wie unvollkommen. Und doch - er hat mich gemacht. Genau so wie ich bin. Und wenn ich ihn lasse, dann kann er aus mir die schönste Form meiner selbst machen. Ist das nicht eine staunenswerte und erstrebenswerte Aussicht?  
Er sieht mich und er kennt mich. Und er liebt mich dennoch. Das ist so wunderbar, dass ich jubeln möchte!!

Donnerstag, 23. September 2010

Gedanken zu: Buch Kohelet 1,2-11.

Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch. Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne? Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit. Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht. Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind. Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll. Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was man getan hat, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues - aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind. Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren, und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden. 

Der Verfasser dieser Zeilen ist Philosoph und Literat. Seine Sprache ist schön, seine Bilder treffend. Wie so häufig im Buch Kohelet springt mir Pessimismus entgegen. Das Ringen mit dem Leben und allem Sein. Die Suche nach einem Sinn in dem was ist. Und die Suche nach einem Weg das Leben in guter Weise zu führen. Man fühlt sich klein, wenn man die Zeilen ließt. Die gewaltige Größe der Welt und die Länge der Zeit wird einem bewusst. Und wie klein mein eigenes , winziges Leben im  Vergleich dazu ist.  Windhauch, Windhauch. Dieses Wort birgt alles in sich. Die Vergänglichkeit, das Verblassende, das Sterbende. Gleichzeitig die lebendige Faszination von dem, was geschaffen ist. Von Gotteshand. Der Mensch kann nur staunen über das, was er sieht. Und doch spricht er von der ständigen Wiederholung. Der ewigen Wiederkehr von allem. Nicht Linear denkt er, sondern ein ewiger nie unterbrochener Kreis. Und doch ist Jesus in die Zeit  und unsere Welt eingebrochen. Er ist für uns gestorben und auferstanden. Einmalig. Als ein vollkommener Akt der Liebe, der keine Wiederholung braucht. Vielleicht ist es das, was der Autor suchte und wonach der sich sehnte: Die Erlösung.

Montag, 20. September 2010

Gedanken zu: Evangelium nach Lukas 8,16-18.


Niemand zündet ein Licht an und deckt es mit einem Gefäß zu oder stellt es unter das Bett, sondern man stellt das Licht auf den Leuchter, damit alle, die eintreten, es leuchten sehen. Es gibt nichts Verborgenes, das nicht offenbar wird, und nichts Geheimes, das nicht bekannt wird und an den Tag kommt. Gebt also acht, daß ihr richtig zuhört! Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er zu haben meint.

Maria Prean nennt es: Dein Gesicht davon informieren, dass du erlöst bist! Ein Freund hat neulich zu mir gesagt: als Christ muss du in der Arbeit doppelt so gut sein wie alle anderen, um auch christlich Leben zu können. Um also nicht korrupt, verlogen und diebisch zu werden - um nicht im Konkurrenzkampf zu ersticken musst du besser sein als alle - um dann großzügig, freundlich und barmherzig zu sein. Interessante Theorie! 

Vielleicht ist es ja auch anders herum - wenn ich tatsächlich nach dem lebe, was Jesus uns aufgetragen und vorgelebt hat, dann bin ich doppelt so gut in dem was ich tue. Wenn ich den Alltag heilige, dann werde ich leuchten, ohne jemandem ERZÄHLEN zu müssen, dass ich Christ bin.

Eines macht diese Bibelstelle ganz klar: verstecke nicht was du bist. Im Gegenteil: Stell das Licht auf einen Leuchter, damit es alle sehen können. Die entscheidende Frage ist jedoch: was bin ich denn als Christ? ERLÖST bin ich. Würde diese Erkenntnis  mich ganz durchdringen, mir vollends bewusst werden, dann könnte ich garnicht anders als leuchten. Weil das Licht das leuchtet niemals ich selbst bin - sondern der, der in mir lebt!

Samstag, 18. September 2010

Von der Loge der Muppetshow



Wir gehen ins Cafe und weil kein Tisch frei ist, setzen wir uns auf die Bank an der rechten Seite – an die hohen Tische. Ich liebe diese Plätze. Man hat den ganzen Raum im Auge, kann die Menschen beobachten und die Beobachtungen teilen. Wie die zwei alten Männer in der Loge der Muppetshow. Wir bestellen uns ein Frühstück und überfordern den netten Kellner ein bisschen mit unseren Extrawünschen. Caro lässt die Beine baumeln, ich stelle sie auf einen den Barhocker. Und wir beobachten. Das Treiben im Lokal ist gemütlich – genau einem Sonntag-Vormittag entsprechend. Es ist erstaunlich, was man alles beobachten kann. Zum Beispiel das junge Paar direkt am Tisch vor uns. Sie gehören zusammen, scheinen aneinander gewöhnt, aber angespannt. Sie schauen sich kaum in die Augen, sprechen wenig. Ihr Blick ist fordernd, er scheint nicht zu wissen, wie er ihr geben kann, was sie braucht. Er ist bemüht sie aus sich heraus zu locken – sie blockt es ab. Sie Frühstücken, schweigend. Zusammen, aber doch Meilen weit voneinander getrennt. Sie hat einen harten Zug in ihrem hübschen Gesicht. Etwas von Resignation. Er wirkt einfach nur hilflos. Dahinter sitzen zwei Frauen. Die rechte hat einen langen blonden Pony, der ihr halbes Gesicht verdeckt. Was sie wohl verstecken will? Ihre Gedanken? Sie lächelt oft, schaut aber selten von ihrem Teller auf. Ihre Haltung ist gebeugt und das Lächeln hat etwas Bitteres. Ein Lachen mit heruntergezogenen Mundwinkeln. Ihre Begleiterin hat unglaublich dunkle Augen, tiefe Ringe darunter und dichte Augenbraun. Sie sitzt sehr gerade und bestreitet die meiste Zeit das Gespräch. Sind sie Freundinnen? Die dunkle wirkt dominant. Die helle irgendwie unfertig. Als hätte sie keine klaren Strukturen, als würden ihre Ränder irgendwie verschwimmen. Als wolle sie ihr ganzes Sein Verstecken, so wie ihre hohe Stirn hinter den herunterhängenden Haaren.
Am Tisch links von uns sitzt ein Elternpaar mit einem kleinen Mädchen. Ein Wunschkind. Eine kleine Prinzessin mit dunklen Haaren. Beide scheinen voll und ganz auf das Kind konzentriert. Alles was sie tut wird kommentiert. Liebevoll mustert der Vater das kleine Mädchen und albert mit ihr herum. Doch dann sieht die Frau ihren Mann an und zwinkert ihm liebevoll zu. In diesem Moment merkt man es. Sie sind nicht nur Eltern der Kleinen, sie sind ein Paar. Da huscht ein Hauch von Liebe zwischen ihnen hin und her, der ausstrahlt auf den ganzen Raum. Es macht froh sie zu beobachten.
Als das junge, sich vertraute aber ferne Paar zahlt und geht, setzen sich drei Menschen an den Tisch. Ein älterer Herr mit grauen Locken und einer scheußlichen grau-schwarzen Jacke, ein junges Mädchen mit hellem Gesicht und karottenroten Haaren und ein Mann, den Caro sehr feminin findet. Der feminine Mann hat die größte Nase im ganzen Raum, schwarze Haare und eine Lederjacke an. Sie diskutieren. Das heißt, eigentlich diskutieren nur der alte Mann und das rothaarige Mädchen. Sie könnte gut eine Studentin sein, er ihr Professor. Der Lederjackenmann scheint nicht recht dazu zu passen. Er sagt auch nicht viel und konzentriert sich auf sein Rührei. Caro meint er ist schwul und der alte Mann sein Partner. Ich glaube das nicht. Sie wirken einfach nur zusammen gewürfelt.
Dann kommen zwei junge Frauen zur Tür hinein und hinten an einem der Wandtische springt eine andere junge Frau auf und eilt ihnen entgegen. Der dunkelhaarige, stämmige Mann, der mit ihr am Tisch sitzt kommt auch. Die Frauen fallen sich um den Hals. Den Worten ist zu entnehmen, dass die große, schlanke ihren besten Freundinnen ihren neuen Freund vorstellen will. Er gibt den beiden die Hand. Die drei Frauen wirken sehr vertraut miteinander – der Mann lächelt, obwohl er sich nicht ganz wohl in seiner Haut zu fühlen scheint. Klar. Er wird bewertet. Beobachtet. Bekannt gemacht mit denen, die seiner Freundin am Herzen liegen. Zusehens entspannt er sich jedoch. Er weiß, wer er ist und braucht sich nicht zu verbiegen.
Caro lacht, ich schmunzle und wir stellen uns kurz vor, wir hätten graue Haare, Runzeln und Puppenhände mit nur vier Fingern. „Mrs. Piggy hat einen neuen Freund. Das wird Kermit das Herz brechen“ sage ich. Da kommt unser Frühstück und wir wenden uns anderen Themen zu. Aber die Augen schweifen immer wieder zu unseren Beobachtungen zurück – es ist auch zu spannend, was sich da alles entwickelt. An einem gemütlichen Sonntag-Vormittag!

Freitag, 17. September 2010

Gedanken zu: Psalm 17,1.6-7.8.15.



Höre, Herr, die gerechte Sache, achte auf mein Flehen, vernimm mein Gebet von Lippen ohne Falsch!
Ich rufe dich an, denn du, Gott, erhörst mich. Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!
Wunderbar erweise deine Huld! Du rettest alle, die sich an deiner Rechten vor den Feinden bergen.
Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel.


David hat es gewusst. Er wusste, dass unser Gott ein guter Gott ist und dass er unser Flehen hört. Wir zweifeln oft daran, ob Gott es WIRKLICH gut mit uns meint. Weil er unsere Gebete nicht zu erhören scheint, weil er anders reagiert, als wir es erwartet oder erbeten haben. Weil wir unsere kleine  unzureichende Vorstellung von dem, was er tun kann, auf ihn projizieren. Und aus diesem Grund erkennen wir oft nicht, was er tatsächlich tut - wo er uns erhört, wo er antwortet. Es ist so, als schrieben wir Gott eine Postkarte mit unseren Bitten. Und wir erwarten eine Postkarte zurück. Oder einen Brief. Das aber das riesige Paket vor unserer Haustüre von ihm ist - das sehen wir nicht. Wenn ich an meine vielen Gebete denke, dann bin ich wahrscheinlich am dankbarsten für die, die er NICHT beantwortet hat. Bzw. nicht so beantwortet hat, wie ich es wollte. Klar wollte ich, dass er antwortet. Und er hat es immer getan. Gott sei Dank nicht immer so, wie ich es erbeten hatte - vieles wäre anders gelaufen, nicht gerade besser. Weil ich immer nur einen kleinen Ausschnitt meines Lebens überblicken kann. Weil meine Wünsche und mein Flehen sich auf diesen Ausschnitt beschränken. Weil ich das große Bild nicht sehe. Er sieht es. Und weil er weiß, was am besten für mich ist, antwortet er auf seine ganz eigene, mir oft unverständliche Weise. Dennoch höre ich nicht auf zu bitten - den unser Gott ist ein Gott der Beziehung. Er will das Gespräch mit uns. Und immer mal wieder sehe ich, dass er antwortet. Eigentlich immer öfter. Vielleicht weil es auch eine Sache der Übung ist zu verstehen und zu hören. Und eine Sache des Vertrauens, dass seine Antwort die beste ist!

Mittwoch, 8. September 2010

Kleinvieh macht auch Mist...

Zwölf neue Geschichten bewährter Autoren – und alles dreht sich um Wunschzettel, Wünsche und das Geheimnis von Weihnachten: mal fröhlich-heiter, mal nachdenklich-besinnlich. Mit Beiträgen von Ilse Ammann-Gebhardt, Albrecht Gralle, Tanja Jeschke, Marie-Sophie Lobkowicz, Andreas Malessa, Titus Müller, Eckart zur Nieden, Manfred Siebald, Fabian Vogt, Kai-Uwe Woytschak, Christoph Zehendner.

Gedanken zu: Psalm 13,6.


Ich aber baue auf deine Huld, mein Herz soll über deine Hilfe frohlocken. Singen will ich dem Herrn, weil er mir Gutes getan hat.

Als ich zwölf Jahre alt war, wollte ich nicht mehr leben. Ich war gequält von einem Lehrer, lustlos -ja vielleicht depressiv. Ich war ständig krank und habe aufgegeben. Als es ganz schlimm war, und ich regelrecht hysterisch wurde, hat mein Vater mir die heilsamste Watsche meines Lebens verpasst, mich in mein Zimmer geschickt und gesagt ich soll jetzt zwei Listen machen: Eine auf der steht, was ich am Leben hasse und eine zweite mit dem, was ich liebe.
Ich saß lange. Und die erste Liste war ziemlich schnell voll, so dass ich ein zweites Blatt brauchte. Aber ich durfte mein Zimmer nicht verlassen, bis ich beide Listen geschrieben hatte. Ich weiß noch, dass ich als erstes auf die zweite Liste drauf schrieb: "Ich mag meinen Kanarienvogel Flinky" und dann ist es nur mehr so rausgeflossen. Es war ein einfaches System und mein Vater hatte den richtigen Instinkt im richtigen Moment.


Das ist es was mich treiben soll, wenn ich in einem Loch sitze und dem Himmel nicht sehe. Wenn mir alles zu schwer erscheint und das Leben sich von der mühsamsten Seite zeigt. oder mich zu erdrücken droht. Dann soll ich dem Herrn singen, weil er mir Gutes getan hat. Laut und schallend verkünden, was er bereits für mich vollbracht hat. Berichten von den Kämpfen, die er für mich ausgefochten hat, den Situationen in denen er mir beigestanden hat. Ich habe es versucht. Als es mir schlecht ging, die Laune am Boden war, die Aussichten grau: singen! Zum Beispiel alleine im Auto. Und Danken. Für alles, was mir Gutes einfällt.
Die Lektion habe ich für immer gelernt: Loben zieht nach oben und Danken schützt vor wanken!

Dienstag, 7. September 2010

Gedanken zu: Evangelium nach Lukas 6,6-11.


An einem anderen Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Dort saß ein Mann, dessen rechte Hand verdorrt war. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer gaben acht, ob er am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Er aber wußte, was sie im Sinn hatten, und sagte zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Der Mann stand auf und trat vor. Dann sagte Jesus zu ihnen: Ich frage euch: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zugrunde gehen zu lassen? Und er sah sie alle der Reihe nach an und sagte dann zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er tat es, und seine Hand war wieder gesund. Da wurden sie von sinnloser Wut erfüllt und berieten, was sie gegen Jesus unternehmen könnten.

Du sollst den Sabbat heiligen. Das ist eines der zehn Gebote. Für uns Christen heißt es - du sollst den Sonntag heiligen. Doch was heißt in diesem Zusammenhang "heiligen"? Jesus macht es an dieser Stelle sehr klar: Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat. Man soll Gutes tun, nicht Schlechtes. Vor allem aber macht er eines klar: Man darf das Regelwerk der Gesetze nicht über die Beziehung zu einen Menschen stellen.
Ich habe als Kind gelernt, dass man am Sonntag in die Kirche gehen muss! Und wenn man es nicht schafft, dass man das dann beichten muss. Es hat viele, viele Jahre gebraucht bis ich begriffen habe, dass es genau anders herum ist. Dass ich am Sonntag in die Kirche gehen darf. Das mir der Sonntag diese Möglichkeit schenkt, um meine Beziehung zu Gott zu pflegen. Dass es ein Segen für mich ist in die Messe zu gehen. Und das ich nicht zur Beichte gehe, weil ich nicht in der Messe war, sondern weil es einen und tausend Gründe gegeben hat, die mich in meiner Beziehung zu Gott von ihm entfernt haben.
Ich glaube, dass wir Katholiken sehr oft dazu tendieren uns zu sehr dem Regelwerk zu unterstellen. Ich stelle nicht in Frage, dass es für mich wichtig und extrem förderlich war als Kind in die sonntägliche Kirche zu müssen. Weil sich so meine innere Uhr darauf eingestellt hat. Aber zu begreifen, dass ich die Freiheit habe, war großartig. Und vor allem - dass ich hinsehen soll, was dran ist! Und es nicht zu tun, NUR weil es das Gesetz verlangt. Seitdem zieht es mich eher in die Messe, als dass ich mich geschoben fühle. Ich glaube, dass die Gesetze richtig und wichtig sind. Aber ich bin auch überzeugt, dass wir in vielen Fällen unseren Blickwinkeln darauf verändern müssen um zu erkennen, weshalb es diese Gesetze gibt und warum sie uns zum SEGEN gereichen, wenn wir sie als Geländer nutzen. Das es aber auch Situationen gibt, wo wir ohne Geländer frei laufen dürfen und müssen. Damit diese Regeln nicht das bestimmende Element werden. 
Ein Beispiel: Ich kann mich jeden Tag ärgern und mit mir unzufrieden sein, weil ich die Gebete, die ich mir vorgenommen habe, mal wieder nicht geschafft habe. Dann bin ich unzufrieden, schlecht gelaunt im Zweifel, habe schlechtes Gewissen und habe sie dennoch nicht geschafft. Weil ich glaube, dass ich es schaffen MUSS, weil Gott sonst unzufrieden ist. Wie aber ist es, wenn ich lerne, dass ich in jeder Situation beten kann, Gott immer ansprechen kann und es für meine Beziehung zu ihm gut tut mir Zeiten zu nehmen und mich ihm zuzuwenden? Zu lernen, dass ich mich durch meine Verärgerung und meine Unzufriedenheit weit mehr von ihm entferne, als durch die Tatsache, dass ich meine Gebete versäumt habe? 
Gott ist gut! Und er meint es gut mit uns. Und ich glaube, dass er jedem ganz persönlich einen Weg zeigt, wie er mit ihm in Kommunikation treten möchte. Dazu sind die Traditionen und Regeln wichtig und gut - sie sind das Geländer, dass uns stützt. Wie die Buchstaben, die uns Sprechen lehren. Aber wir dürfen auch frei laufen!

Mittwoch, 1. September 2010

Gedanken zu: Evangelium nach Lukas 4,38-44.



Jesus stand auf, verließ die Synagoge und ging in das Haus des Simon. Die Schwiegermutter des Simon hatte hohes Fieber, und sie baten ihn, ihr zu helfen. Er trat zu ihr hin, beugte sich über sie und befahl dem Fieber zu weichen. Da wich es von ihr, und sie stand sofort auf und sorgte für sie. Als die Sonne unterging, brachten die Leute ihre Kranken, die alle möglichen Leiden hatten, zu Jesus. Er legte jedem Kranken die Hände auf und heilte alle. Von vielen fuhren auch Dämonen aus und schrien: Du bist der Sohn Gottes! Da fuhr er sie schroff an und ließ sie nicht reden; denn sie wußten, daß er der Messias war. Bei Tagesanbruch verließ er die Stadt und ging an einen einsamen Ort. Aber die Menschen suchten ihn, und als sie ihn fanden, wollten sie ihn daran hindern wegzugehen. Er sagte zu ihnen: Ich muß auch den anderen Städten das Evangelium vom Reich Gottes verkünden; denn dazu bin ich gesandt worden. Und er predigte in den Synagogen Judäas.

Wieder begegnen wir heute den Dämonen, die nicht anders können, als Jesus als den Messias anzuerkennen. Sie schreien es sogar heraus und werden von ihm selbst zum Schweigen gebracht, weil der Zeitpunkt seiner Offenbahrung noch nicht gekommen war. Aber ein anderer Punkt interessiert mich heute. Die klare Unterscheidung von der Heilung einer Krankheit und der Austreibung eines Dämon. Jesus erhört die Bitte seines Gastgebers und heilt seine Mutter vom Fieber. Und diese steht auf um ihm zu dienen. Das sprach sich herum und viele Menschen kamen, um Jesus ihre Kranken zu bringen. Und hier kommts. Er heilt die einen und bei den anderen fahren Dämonen aus. Es gibt also  Dämonische Bessenheit, die sich als Krankheit tarnt, denn die Menschen brachten ja ihre Kranken zu Jesus. Viele Krankheiten haben aber völlig andere Ursachen, als dämonische Einflüsse. Ich bin schon Menschen begegnet, die gerne jede Krankheit und jedes Übel auf Dämonen schieben wollen. Diese Bibelstelle zeigt mit aller Deutlichkeit, dass dem nicht so ist. Das bedeutet nicht, dass Krankheit in Gottes Heilsordnung gehört. Nein. Jesus heilt die Kranken, welche Ursache ihre Krankheit auch haben mag. Gerne wüsste ich, was Jesus mit den Menschen gesprochen hat, die er heilt. In anderen Bibelstellen steht meist die Vergebung der Sünden an erster Stelle. Und auf die Vergebung folgt die Heilung. Ich kann mir gut vorstellen, dass er das immer so gemacht hat. Das muss für Jesus ganz schön anstrengend gewesen sein. Es müssen hunderte gewesen sein, die sich an ihn gewandt haben. kein Wunder, dass er müde war und sich zurückziehen wollte. Aber selbst dann, als er sich in die Wüste zurückziehen wollte, haben die Menschen nicht von ihm gelassen - sie sind ihm gefolgt. Und sie wollten, dass er bleibt. Er hat sich den Menschen nicht entzogen, aber er ist auch nicht geblieben. Denn sein Auftrag war klar: Das Evangelium vom Reich Gottes zu verkünden.

Dienstag, 31. August 2010

Gedanken zu: Evangelium nach Lukas 4,31-37.



Jesus ging hinab nach Kafarnaum, einer Stadt in Galiläa, und lehrte die Menschen am Sabbat. Sie waren sehr betroffen von seiner Lehre, denn er redete mit (göttlicher) Vollmacht. In der Synagoge saß ein Mann, der von einem Dämon, einem unreinen Geist, besessen war. Der begann laut zu schreien: Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! Da befahl ihm Jesus: Schweig und verlaß ihn! Der Dämon warf den Mann mitten in der Synagoge zu Boden und verließ ihn, ohne ihn jedoch zu verletzen. Da waren alle erstaunt und erschrocken, und einer fragte den andern: Was ist das für ein Wort? Mit Vollmacht und Kraft befiehlt er den unreinen Geistern, und sie fliehen. Und sein Ruf verbreitete sich in der ganzen Gegend.

Bist du schon einmal jemandem begegnet, der mit Vollmacht gesprochen hat? Ich schon. Man möchte jedes Wort aufsaugen, verinnerlichen und verstehen. Wenn jemand mit Vollmacht spricht und die Bibel auslegt, dann gehen dem Hörer unendwegt "Lichter" auf. So zumindest habe ich es erlebt. Dann erscheint mir logisch, was ich vorher nicht verstand und sinnvoll, was vorher keinen Sinn machte. Die Vollmacht Jesu ist offenbar - denn er ist der Sohn Gottes und ganz vom Heiligen Geist durchdrungen. Wenn Menschen vollmächtig sprechen, dann sind auch sie vom heiligen Geist durchdrungen. Und ich denke es ist immer spürbar wessen Geistes Kind sie sind.
Was mich fasziniert ist die Tatsache, dass der Dämon ohne Zweifel erkennt wer da vor ihm steht und spricht. Der Mensch kann Jesus verkennen, verleugnen und übersehen. Es gibt viele andere Stellen in der Bibel, wo Jesus nicht gehört wird. Wo sie ihn aus der Stadt jagen. Der Mensch kann entscheiden, ob er Jesus anerkennen möchte oder nicht. Der Dämon, der Geistwesen ist, kann das nicht. Er MUSS ihn anerkennen und ihm gehorchen. Er verlässt den Mann und schweigt. Und was ich faszinierend finde - er musste sich offenbaren. Hätte er nicht auch schweigen können und warten bis Jesus die Stadt wieder verlassen hat? Muss er nicht gewusst haben, dass Jesus ihn austreiben und verjagen wird, wenn er ihn laut und öffentlich anspricht? Nein - der Dämon hatte keine Wahl, weil der Geist Gottes ihn zwingt sich zu offenbaren.

Und das ist es, was ein Dämon nie begreifen wird. Den freien Willen, den wir geschenkt bekommen haben. Das ist es, was uns immer Zeichen und Wegweisung sein kann: Gott wird uns immer einladen, aber niemals zwingen ihm zu folgen.


Donnerstag, 15. April 2010

NORDFRIEDHOF

Es ist windig draußen und ich bin gerade vom Mittagschlaf aufgewacht. Ich kann es draußen um die Dächer pfeifen hören. Anstatt mich noch mal umzudrehen und den Rest des Sonntag-Nachmittag zu verschlafen, raffe ich mich auf. Ich will raus. Den Wind spüren. Ich ziehe meine MBT Schuhe an: scheußlich, gebe ich gerne zu! Aber sind ja auch keine Schuhe, sondern Trainingsgeräte. Eigentlich doch nicht so übel. Sehen aus wie schwarze Turnschuhe. Nur mit dicken Solen. Dann setze ich mich in Bewegung. Der Nordfriedhof liegt direkt bei mir um die Ecke. Die rote Backsteinmauer macht ihn zu einem warmen Ort. Egal wie das Wetter ist. Ringsrum zieht sich die Mauer und die Eingänge sind mit Eisentoren versehen. Schöne Eisentore. Der Haupteingang ist immer offen. Hunde dürfen keine hinein. Aber ich weiß, dass manchmal Kinder hier Fußball spielen. Ihr Lachen und Toben zeigt die Nähe von Tod und Leben. Ich ziehe den Schal fester um meinen Hals, weil der Wind so bläst und biege in den Friedhof ein. Es ist der alte Nordfriedhof. Seid fast hundert Jahren wird hier niemand mehr zu Grabe getragen.

Gleich beim Eingang rechts bleibe ich vor einem Grabstein stehen. Ich wippe auf meinen Schuhen. Das ist gut für die Muskeln. Ich betrachtet das Grab. Der Wind wirbelt Blätter in der Luft herum. Es ist das Grab der Familie Junge. Er heißt Carl-Rudolf und seine Frau Doris. Sie, 1823 geboren, war zwei Jahre älter als ihr Mann und hat ihn um drei Jahre überlebt. 1884. Ihr Todestag. Ein einfaches Kreuz ziert den Grabstein. Es scheint, als seinen sie kinderlos gestorben. Die leere Fläche unter ihren Namen spricht eine eigene Sprache. Lange Jahre des Kinderwunsches. Keine Erfüllung. Sehnsucht und die Auseinandersetzung mit dem Gedanken keine Nachkommen zu haben. Niemand, dem man das, was man im Leben erreicht hat, weiter geben kann. Irgendwie traurig. Trotzdem hatten sie eine gute Ehe. Denke ich. Vielleicht hatten sie aber auch Töchter, die wiederum bei ihren eignen Männern begraben sind. Ich glaube sie hatten keine. Sie war vielleicht zum Zeitpunkt der Eheschließung schon zu alt, um welche zu bekommen. Die letzten drei Jahre ihres Lebens müssen sehr einsam gewesen sein. Ohne ihren Carl-Rudolf. Ohne Kinder. Ohne Enkel. Eine einsame alte Frau. Mit einem zugesicherten Grab-Platz. Entfernte Verwandte haben sich um ihre Beerdigung gekümmert. Geplant hat sie alles bereits selber.


Es ist ungewöhnlich für die Zeit, dass sie älter war, als ihr Mann. Ich denke es war eine Liebesheirat und dass sie eine wunderschöne Frau war. Selbstbewusst und stark. Vielleicht hatte sie Sommersprossen. Und rote Haare. Und seine Familie war gegen die Heirat, weil sie einen zwielichtigen Hintergrund hatte. Aber er wollte diese Frau heiraten. Seine Familie musste sich damit abfinden. Ihr Mädchenname war Pausch. Dass zeigt mir, dass sie nicht Carl-Rudolfs Schwester war. Nein. Sie war seine Frau. Und sie waren dreißig, vielleicht vierzig Jahre verheiratet.


Ein Baum wächst schräg vor ihrem Grabstein, der an der roten Backsteinmauer hängt. Es ist ein großer Stein. Mit dunklem Marmor ausgelegt, in den ihre Namen eingemeißelt sind. Angelegt für eine große Familie. Ich betrachte den Boden unter meinen Füssen. Erde und spärliches Frühjahrgras. Ich stehe also auf dem Boden, unter dem sie liegen. Es ist bestimmt nichts mehr übrig von ihnen. Höchstens noch ein paar Zähne. Vielleicht die Eheringe, die sie mit in den Sarg genommen haben. Heute weiß niemand mehr etwas über sie. Da liegen sie – oder ihre Überreste. Hoffentlich sind sie im Himmel. Bestimmt.


Dann wandere ich weiter. Mein Blick streift über weitere Grab-Steine, aber mit meinen Gedanken bin ich beim Ehepaar Junge. Der Kies auf dem Weg knirscht unter meinen Schuhen. Ich gehe einmal um den Friedhof herum. Ein paar Jogger überholen mich mehrmals. Bevor ich durch das große Eisentor wieder nach draußen gehe, bleibe ich noch mal kurz bei den Junges stehen. Ich nicke kurz zu ihrem Grabstein hin und verabschiede mich. Es ist ein bisschen, als hätte ich sie gekannt. Dann wende ich ihnen den Rücken zu, verlasse den Friedhof und wandere zurück in mein eigenes Leben.

Mittwoch, 14. April 2010

Textversuch - Grauenszenario

Die Tage der großen Liebe sind vorbei und der Mensch begibt sich in eine Wüste. Die Wüste besteht aus Sand, Dünen, Steinen und trockener, staubiger Luft. Der Durst stellt sich schnell ein und verlässt einen nimmermehr. Ab und an sieht man ein Trugbild, eine Fatahmorgana, und lechzend schmeißt man sich in die nichtvorhandene Oase. Hat man den Mund schon voll und reichlich Staub geschluckt, ruckt man auf und das tränende Auge sieht nichts als ewig gleich bleibenden Sand. Der Hals ist nun vollends aufgeraut und es bleibt nicht genug Flüssigkeit im Körper, um dem Heulkrampf Platz machen zu können. Die Augen sind rot umrandet und schöner wird man auch nicht in dieser trostlosen Einöde. Die Haut beginnt eine sonnenverbrannte, lederähnliche Textur anzunehmen und die Bewegungen werden von Tag zu Tag müder und ausgelaugter. Des Nachts krümmt man sich in einer Düne zusammen und schlottert am ganzen Lieb, weil nichts Schutz bietet vor der bitteren Kälte der Wüstennacht. Die Kälte kriecht einem bis auf die Knochen und wüsste man nicht um das Grauen des Tages, würde man sich nach den wärmenden Strahlen der Sonne sehnen. Die Lippen werden spröde und reißen schmerzhaft auf. Die Haare werden strohig und eines Morgens muss man feststellen, dass sie schlohweiß geworden sind. Die Hoffnungslosigkeit der Situation hat ihren Tribut gefordert. Die Fingernägel sind schon ganz und gar brüchig und die einst fleischuntersetzte Haut schlottert nur mehr so um die schmerzenden Knochen. Die Haut hat Flecken bekommen, die ein viel höheres Alter verkünden, als man tatsächlich Jahre auf den Schultern trägt. Die Blüte der Jugend ist verwelkt und die Umstände haben zerstört, was einst frisch und lieblich gewesen ist. Schließlich kann man sich nicht aufraffen und auch der letzte Wille ist gebrochen. Man kauert sich ein letztes Mal zusammen, schlingt die Arme um die mageren Reste des eigenen Körpers und gibt einfach auf. Die Gedanken können sich nicht mehr auf ein Ziel konzentrieren, sie schwirren wirr und erschreckend durch den eigenen Kopf. Man nimmt sich selbst kaum mehr wahr und ist selbst zu schwach, um sich das Sterben zu wünschen. Man nimmt einfach hin und wartet, wartet, wartet…auf das Ende.

Donnerstag, 8. April 2010

Farbexperimente

Was meine Kamera alles kann: Ich experimentiere mit Farben in schwarz-weiß Bildern und finde es höchst erquicklich.

Mittwoch, 31. März 2010

Kleinvieh macht auch Mist!!!

Zum Welttag des Buches: elf neue kurze Erzählungen von Titus Müller, Marie-Sophie Lobkowicz, Andreas Malessa u. a. Alle Geschichten haben den denselben Anfang, „Na endlich!“, und alle drehen sich um die Themen Zeit, Alltag und Güte, die ewig weit reicht.

Samstag, 27. März 2010

Wo sind die Dämonen hin?

Ich sehe ein: Es ist gemein.

Aber ich habe beschlossen auf den Rat einiger Menschen die ich ernst nehme zu hören und die Geschichte "Kann man Dämonen sehen" von meinem Blog zu nehmen. Weil sie noch nicht "reif" ist. Es war ein Probelauf, der Eigendynamik angenommen hat. Das schnelle Schreiben hat mir unglaublich Spaß gemacht und die Reaktionen auf die Episoden, die ich frei gegeben habe, waren beschwingend und antreibend. Jedoch ist der Text der entstanden ist, nicht mehr als eine Rohfassung. Jetzt wird aus der Sache ernst gemacht und so kann ich sie nicht länger auf einer semi-öffentlichen Ebene stehen lassen.
So Leid es mir tut!!!!

Also - wer es gut fand, schicke bitte ein Stoßgebet zum Himmel, dass ich einen guten Verleger finde!!!!

Ich arbeite beständig an dem Text weiter, was mir nach wie vor echt Spaß macht - die Geschichte entwickelt sich rasant - sowohl in meinem Kopf, als auch auf Papier - und so Gott will, wird daraus ein waschechtes Buch.

(Wer es garnicht aushalten sollte, wende sich vertrauensvoll an mich...)

Dienstag, 9. Februar 2010

Gedanken zu Matthäus 9, 19-26

Matthäus 9, 19-26

„Während Jesus so mit ihnen redetet, kam ein Synagogenvorsteher, fiel vor ihm nieder und sagte: Meine Tochter ist eben gestorben, komm doch, leg ihr deine Hände auf, dann wird sie wieder lebendig. Jesus stand auf und folgte ihm mit seinen Jüngern. Da trat eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutungen litt, von hinten an ihn heran und berührte den Saum seines Gewandes, denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, dann werde ich geheilt. Jesus wandte sich um, und als er sie sah, sagte er: Hab keine Angst, meine Tochter, dein Glaube hat Dir geholfen. Und von dieser Stunde an war die Frau geheilt. Als Jesus in das Haus des Synagogenvorstehers kam und die Flötenspieler und die Menge der klagenden Leute sah, sagte er: geht hinaus! Das Mädchen ist nicht gestorben, es schläft nur. Da lachten sie ihn aus. Als man die Leute hinausgedrängt hatte, trat er ein und fasste das Mädchen an der Hand, da stand es auf. Und die Kunde davon verbreitete sich in der ganzen Gegend.“

In knapper Reihenfolge haben wir es hier mit zwei Wundern zu tun. Die blutflüssige Frau wird geheilt, weil sie geglaubt hat. Ähnlich wie der Hauptmann (siehe letzter Eintrag) fühlte sie sich nicht würdig, dass Jesus zu ihr sprach oder sie berührte – sie wollte nur den Saum seines Kleides anfassen. Jesus spürt ihren Glauben und dreht sich um. Es ist, als sei ihr Glaube Materiel - spürbar, berührbar, sichtbar. Denn Jesus nimmt ihn war, ohzne sich noch umgedreht zu haben. Liebevoll nennt er sie „Meine Tochter“. Und die Heilung tritt schlagartig ein.
Interessant ist, dass er den Menschen, die um das Mädchen trauern, sagt, dass sie nur schlafe. War sie tatsächlich noch nicht gestorben und er hat sie geheilt? Oder wollte er das Wunder „tiefstapeln“ indem er sagt sie schlafe nur? Die Menschen lachen ihn aus. Dabei müssen sie schon von den Wundern gehört haben, die er gewirkt hat. Es muss bereits bei ihnen angekommen sein, was dieser Jesus vermag. Es ist das erste Mal, dass er einen Toten zurück ins Leben bringt. Er lässt sie lachen. Trotz Spott und Hohn erweckt er sie zum Leben, weil ihr Vater glaubte. Hier kommt die Familie hervor – der Vater, der für seine Tochter bittet. Und Jesus vollbringt das Wunder – nicht weil das Mädchen glaubte, sondern der Vater. Der Glaube von Familie und Freunden kommt immer wieder in Geschichten von Wundern zum tragen. Hier haben wir die Gegenüberstellung ganz konkret. Die Frau glaubte selbst. Der Vater für das Kind. Ob das Kind zum Glauben gekommen ist durch seine Auferweckung? Ob die Menschen, die gelacht haben, sich geschämt haben wegen ihres Unglaubens?

Montag, 8. Februar 2010

Gedanken zu Matthäus 8, 5-13 Der Hauptmann von Kafarnaum

„Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn: Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen. Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen. Da antwortete der Hauptmann: Herr, ich bin es nicht wert, dass du mein Haus betrittst. Sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund. Auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir, sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er und zu einem anderen: Komm!, dann kommt er und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es. Jesus war erstaunt, als er das hörte und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, das sage ich Euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei keinem gefunden. Ich sage Euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tisch sitzen, die aber, für die das Reich bestimmt war, werden hinaus geworfen in die äußerste Finsternis, dort werden sie heulen und mit den Zähnen Knirschen. Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll geschehen wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde der Diener gesund.“

In diesem Beispiel eines Wunders ist der Glaube des Hauptmannes so groß und so demütig, dass es einem fast irritiert. Er glaubt, dass Jesus nur mit einem Wort – einem Gedanken – seinen Diener gesund machen kann. Er glaubt, dass Jesus nicht anwesend sein muss, um diesen zu heilen. Der Hauptmann hat begriffen, dass Jesus Gottes Sohn ist und so Vollmacht über Himmel und Erde hat.
Er zweifelt nicht an dieser Vollmacht.
Keine Sekunde.
Das erklärt sich auch aus seinem Beruf – seiner eigenen beruflichen Lebenserfahrung.
Er betrachtet die Situation ganz praktisch. Für ihn scheint die leibliche und die geistige Welt nicht getrennt. Was er in dieser Welt befehlen kann, dass traut er Jesus zu, in der geistigen zu können. Ohne mit der Wimper zu zucken. Er versteht den ganzen Umfang von Vollmacht, weil er selbst Vollmacht besitzt. Und trotz seiner Position weiß er, dass er nicht würdig ist. Er bittet demütig – wie einer, der nichts zu erwarten hat. Aber auch beharrlich, wie einer, der weiß, dass er nichts zu verlieren hat. Ihm wird die ganze Gnade Gottes zuteil.

Erstaunlich finde ich, dass Jesus sagt: „Amen, das sage ich Euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei keinem gefunden.“ Das sagt er denen, die ihm nachfolgen, denen die jeden Tag mit ihm verbringen – seinen Worten lauschen und seine Taten bezeugen. Vielleicht ist das Beispiel des Hauptmanns so irritierend, weil es so einfach und so praktisch – ja beinahe „biologisch“ ist. Es ist die einfach simple Rechnung – was in dieser Welt funktioniert, das funktioniert auch in der, die wir nicht sehen.
Mich fasziniert das.

Dienstag, 2. Februar 2010

Beobachtung

Da steht er. Lässig mit der rechten Schulter an der Wand angelehnt, ruht er an der Ecke der Fensternische und lässt den Blick über die Menschen gleiten. Sein Blick ist offen und interessiert, bleibt aber nicht an etwas oder jemandem hängen. Es scheint ihn nicht zu stören, in einem Raum voller Menschen, alleine dazustehen und einfach seine Zigarette zu genießen. Ich habe ihn schon früher gesehen – wie er mit einem Bier in der Hand an der Tanzfläche stand. Einfach nur beobachtend. Nicht suchend, mit wem er jetzt sprechen könnte. Nicht geniert auf seine Füsse starrend oder unruhig an seinem Ärmel spielend. Ganz unbefangen steht er einfach da und hat den anderen biem tanzen zugesehen. Scheinbar seiner Selbst gar nicht bewusst. Ganz auf das blickend, was sich ihm bietet. Den Blick ganz aus sich herausgerichtet. So nimmt er jetzt auch in der Ecke den Raum für sich ein. Es geht eine unglaubliche Ruhe und Gelassenheit von ihm aus. So, als würde er über den Dingen stehen. Es ist ihm entweder nicht bewusst oder aber egal, dass Blicke ihn treffen. Das ist es wohl, was man meint, wenn man über jemanden sagt: "Er ruht in sich selbst"

Dienstag, 26. Januar 2010

Kurzer Gedanke zu Matthäus 8, 28-34 Die Besessenen

„Als Jesus an das andere Ufer kam, in das Gebiet von Gadara, liefen ihm aus den Grabhöhlen zwei Besessene entgegen. Sie waren so gefährlich, dass niemand den Weg benutzen konnte, der dort vorbeiführte. Sofort begannen sie zu schreien: Was haben wir mit Dir zu tun, Sohn Gottes? Bist du hergekommen, um uns schon vor der Zeit zu quälen? In einiger Entfernung weidete gerade eine große Schweineherde. Da baten ihn die Dämonen. Wenn du uns austreibst, dann schick uns in die Schweineherde! Er sagte zu ihnen: Geht! Da verließen sie die beiden und fuhren in die Schweine. Und die ganze Herde stürzte sich den Abhang hinab in den See und kam in den Fluten um. Die Hirten flohen, liefen in die Stadt und erzählten dort alles, auch das, was mit den Besessenen geschehen war. Und die ganze Stadt zog zu Jesus hinaus. Als sie ihn trafen baten sie ihn ihr Gebiet zu verlassen.“

Die Dämonen haben sofort zwei Dinge erkannt: Erstens, wen sie vor sich hatten – den Sohn Gottes. Zweitens, dass eine Zeit kommen wird, in der sie gequält werden – besiegt werden. Es handelt sich um Dämonen, aber selbst diese (Gegner Gottes) erkennen die Wahrheit besser, als die Menschen.
Die Menschen in der Stadt jedoch haben Angst. Sie können mit der Vollmacht Jesu nicht umgehen. Obwohl er die beiden Besessenen geheilt hat – die Dämonen vertrieben hat - bitten sie ihn zu gehen. Sie bitten ihn nicht in die Stadt hinein – bitten ihn nicht um mehr Wunder – bitten ihn nicht zu bleiben. Kein Dank, keine Freude, kein Glaube. Sie fordern ihn auf zu gehen – nein – sie bitten ihn zu gehen. Wahrscheinlich aus Furcht, er könne ihnen etwas antun. Denn sie haben ihn nicht erkannt. Sie haben nur gesehen, was er getan hat. Und das war Furcht einflössend – die Heilungen, die Austreibungen. Sie hatten ihn nicht predigen gehört. Sie kannten seine Botschaft nicht; seine Worte nicht. Alles, was sie gesehen und gehört hatten, waren die Wunder – und mit denen konnten sie nicht umgehen.
Ist das nicht heute genauso??? Selbst gläubige Menschen tun sich schwer damit ein Wunder zu begreifen, anzunehmen und zu verstehen. Nur durch das Evangelium können wir uns dem nähern. Ohne die Einbettung in Gottes Wort, sind Wunder nichts weiter als Machtdemonstrationen. Ohne das Begreifen der Liebe, müssen Wunder uns Angst machen. Die Reaktion der Menschen damals ist so verständlich, wie die der Menschen heute. Vielleicht ist auch das ein Grund, warum Gott heute weniger offensichtliche Wunder wirkt – weil er weiß, dass uns "nur" ein Wunder allein nicht bekehren wird. Ohne das Wort des Herrn vernommen zu haben, ihn kennengerlernt zu haben, scheint es schwierig zu sein, Übernatürliches zu ertragen. Vielleicht sind Wunder Zeichen und Bestärkung für die, die ihm glauben und auf ihn hören.

Montag, 18. Januar 2010

Post

Ich muss zur Post. In der Agnesstrasse, was gleich bei mir um die Ecke ist. In meinem Briefkasten war heute ein kleiner rosa Zettel, der mir mitteilt, dass ein Packet nicht ausgeliefert werden konnte. Weil niemand da war. Ich hege ja den leisen Verdacht, dass der Postbote provisorisch immer einen Zettel bei mir rein wirft und gar nicht versucht ob ich da bin, weil ich nämlich im fünften Stock ohne Lift wohne und er dann ganz nach oben kommen müsste. Gestern war ich bereits einmal in der Agnesstraße. Beim großen Postamt. Aber es hatte zu. An der Tür hing ein Zettel, der die Kunden um Verständnis bat: Betriebsfeier.

Also wandere ich heute wieder zur Post. Eine lange Schlange steht bereits an. Nur zwei Schalter sind geöffnet und weil die Post gleichzeitig die Postbank ist, geht es nur sehr langsam vorwärts. Eine blonde Frau, die direkt vor mit steht, ärgert sich. Sie hat kleine Schüppchen hinter den Nasenflügeln. Ungepflegt schaut sie aus. Aber eigentlich nett. Sie schimpft, dass nur zwei Schalter geöffnet sind. Dabei stehen mittlerweile sicher 20 Menschen an. Was ist denn das für ein Service! Hinter mir sind bereits fünf neue Kunden hereingekommen. Geduldig stellen sie sich hinten in der Reihe an.

Die Frau, die vor der blonden steht, äußert ebenfalls ihren Unmut. Gestern geschlossen, heute das! Sie hat sehr schönes, rostrotes Haar, das ihr weiches Gesicht schön umrahmt. Ihre Augen sind braun und sehen eigentlich sehr friedlich aus. Auch während sie murrt. Mich lächelt sie dann an und zuckt mit den Schultern. Ich lächle zurück. Man kann ja nichts machen. Ich will mir meine gute Laune vom Warten nicht verderben lassen und beobachte die Leute. Vorne am Schalter steht ein Mensch, bei dem ich mir im ersten Moment nicht sicher bin, ob es ein Mann oder eine Frau ist. Dann schaut sie in unsere Richtung – eine Frau. Ungeduldig trommelt sie mit ihren Fingern auf den Tresen. Sie hat eine eigenartige Hautfarbe, Rötlich – braun – so, als habe sie zu viel Selbstbräuner benutzt.

Der Postbeamte, ein junger Mann, dem Schweißperlen auf der Oberlippe stehen, kann ihr Paket nicht finden. Sie hat ebenso ein rosa Kärtchen in der Hand, wie ich es gestern in meinem Briefkasten gefunden habe. Nervös erklärt der junge Beamte der Kundin, dass er das Päckchen nicht finden kann. Gestern war Betriebsfeier. Alles ist etwas in Unordnung. Könnte aber auch am Paket-Service liegen. Er weiß es wirklich nicht. Entschuldigt sich unterwürfig und fügt hinzu, dass er ja nun wirklich nichts dafür kann. Sie soll es morgen wieder versuchen. Nein, versprechen kann er nichts. Mit einem sehr mürrischen Gesichtsausdruck und deutlich missbilligend den Kopf schüttelnd, verlässt die männlich aussehende Frau das Gebäude.

Ich hin vorgerückt und stehe jetzt neben einem Kartenständer. Lauter Weihnachtskarten. Es ist der 14. November. Ich finde das zu früh für Weihnachtsschmuck, Weihnachtskarten etc. Aber überall wird bereits das Glitzerzeug ausgepackt und in die Schaufenster geräumt. Schokoladen Nikoläuse lächeln einen verführerisch neben jeder Ladentheke an. Ich wippe ein bisschen auf und ab und summe ein Lied, während ich die Postkarten durchblättere. Am liebsten habe ich ja die, die Musik machen, wenn man sie aufklappt. Zu meinem neunten Geburtstag hat meine Patentante mir so eine Karte geschickt – eine richtig große im DA4-Format. Es waren lauter kleine blaue Männer in Uniform darin abgebildet mit Trompeten und die Karte spielte Happy-Birthday. Das fand ich damals das Allergrößte!!! Ich habe die Karte glaube ich heute noch, auch wenn sie natürlich schon längst nicht mehr spielt. Während ich mir überlege ob ich wiederum meinem Patensohn eine solche Karte schicken soll, kommt eine alte Dame am Stock zur Tür rein.

Jedes Mal, wenn die Schiebetüren sich öffnen, kommt ein kalter Luftzug herein. Die alte Dame ignoriert die Schlange und geht einfach nach vorne. Ich finde das nicht so schlimm. Schließlich kann sie bestimmt nicht lange stehen...man sieht ja wie alt sie ist und dass sie nicht gut zu Fuß zu sein scheint. Aber ein junger Mann mit Kopfhörer im Ohr aus denen rhythmische, laute Töne zu vernehmen sind, fährt die Alte an – jeder müsse doch anstehen. Er warte schon eine halbe Stunde. Kein Respekt vor dem Alter. Langsam schlurft die alte Frau zurück an das Ende der Schlange.

Jetzt bin ich vorne. In der Schlange stehen mittlerweile über 30 Leute. Die meisten schauen schlecht gelaunt. Die Rostrothaarige bespricht am Nebenschalter intensiv etwas mit dem jungen Beamten. Der schwitzt immer mehr. Er tut mir leid. Ich reiche mein rosa Kärtchen der Dame hinter Schalter 4. Sie schaut aus wie eine graue Maus. Sobald man in einen andere Richtung blickt, hat man vergessen, wie sie aussieht. Sie verschwindet hinten in einem großen Raum und holt mein Päckchen. Ich kann sehen, dass sich dort viele Päckchen stapeln. Ungeordnet. Klar – gestern war ja Betriebsfeier. Ich habe offensichtlich Glück. Mein Päckchen ist da. Die Maus lächelt mich an und will noch meinen Ausweis sehen. Dann nehme ich mein Packet in empfang. Es ist groß, aber nicht schwer. Ich weiß was drin ist. Raffaellos. Ganz viele. Wieder wippe ich ein bisschen auf den Fersen. Ich habe eine Wette gewonnen. Jetzt halte ich meinen Wettgewinn in den Händen. Ich nehme das Packet unter den Arm und verlasse gut gelaunt die Post.

Samstag, 16. Januar 2010

Verkehrt

Ohne Worte so viel zu sagen,
ohne Arme so viel zu tragen,
ohne Augen so viel zu sehen,
ohne Beine so weit zu gehen.

Der Stumme mit den Händen spricht,
der ohne Arme an der Last zerbricht,
der ohne Augen, mit dem Herzen gut sieht,
der ohne Beine, in seinem Inneren flieht.

Bei dem einen können Worte versagen,
beim nächsten die Arme geöffnet nur fragen.
Auch offene Augen sehen nicht viel,
und flinke Beine versagen beim Spiel.

Was helfen mir Augen, wenn keiner mich sieht?
Was bringen mir Arme in die keiner flieht?
Wohin soll ich gehen, wenn mir fehlt das Ziel?
Wer hört denn das Wort, das mir so gefiel?

Augen, Ohren, Hände, Beine,
sind tot wie kalte kleine Steine,
hätten sie die Liebe nicht,
Hier endets schon das Kurzgedicht.

Mittags

Duft des Bratens,
durchströmt die Wohnung so zart.
Frust des Wartens,
während der Braten schön gart.

Mittwoch, 13. Januar 2010

Donnerstag, 7. Januar 2010

Dienstag, 5. Januar 2010

My All-time favorite



Schicksal eines Gummibärchen


Das Gummibärchen war rot von Geburt,
und fand sich klebend am schwarzen Gurt,
des Autos in dem die Kinder saßen,
die gierig seine Geschwister fraßen.
Das Orange schrie voll Pein und Schmerz,
das Grüne jaulte - es schmerzte das Herz,
das Weiße leise und würdevoll litt,
das Gelbe verkrampft zur Rampe hin schritt.
Zerquetscht und gematscht, gelutscht und gekaut,
das Rote voll grausen dem Tode zuschaut,
den erleiden Brüder und Schwesterchen Sein,
voll Angst macht es sich ganz winzig - ganz klein.
Doch schon kommt die dicke, die suchende Hand
und schau was am Gurte sie kleben noch fand.
"Ein Rotes" jubelt der kindliche Mund,
und tut damit Tod und Verderben kund.
Das Herz bleibt ihm stehn es schwindet der Sinn,
das Rote es glaubt sich schon tot und dahin,
da sagt ruhig die Mutter "genug ist's für heut"
nimmt an sich das Bärchen, was herzlich sich freut
und steckt es oh Horror - oh schreckliche Stund,
genüsslich sich selbst gleich darauf in den Mund.

Dort stirbt es das Rote - so kurz war sein Leben
ist man halt zu süß, soll's das schon mal geben.

Montag, 4. Januar 2010




Draußen liegt der feine Schnee auf den Ästen und es schaut aus als wäre die Welt übernacht in den Puderzucker Topf gefallen. Ganz ehrlich: Ich liebs! Meine Füße am Ofen, die Welt draußen weiß und so...so unschuldig. Aller Schmutz ist verdeckt, alle Unebenheiten, alles Eckige. Es ist weiß und rein und unberührt. Es hält nicht lange vor - das weiß ich! Aber für den Moment ist es der schönste Anblick der Welt und manchmal will ich auch frischen Schnee in meiner Seele haben...frischen Schnee, der alle zudeckt. Nur für einen Moment.